Die Tücke der Erwartungen

kira auf der heide IPx7J1n xUc unsplashWeihnachten - das Fest der Liebe. Und der Enttäuschungen. Jedes Jahr wieder.

Wir haben so große Erwartungen an Heiligabend und die Feiertage. Alles soll perfekt sein. Alle sollen sich liebhaben, gut benehmen (die Kinder werden, wie jedes Jahr, quengelig beim Abendessen sitzen und sich gegenseitig nerven), das Essen gut schmecken (wie jedes Jahr wird die Gans ein kleines bisschen angebrannt sein), die Geschenke kreativ und liebevoll ausgesucht (Ich bin fast vom Glauben abgefallen als eine Freundin erzählte ihre Mutter erwartet ein Weihnachtsgeschenk, das mindestens 200€ kostet!).

Die Wohnung soll aufgeräumt und weihnachtlich geschmückt sein (der ganze Nippes hat einen eigenen großen Schrank im Keller). Und Onkel Andi wird wieder zu viel trinken und alle mit schlechten Witzen amüsieren. Die Schwiegermama wird durch ihre konstruktiven Vorschläge das Nervenkostüm der Gastgeberin irgendwann zum Zerreißen bringen. Der Hund wird wieder auf den Teppich kotzen, weil irgendjemand ihm die Reste des Abendessens geben wird... und so weiter und so fort. The same procedure as every year.

Was haben wir hier, wenn wir mal etwas genauer auf dieses zauberhafte Szenario schauen:

Erwartungen! Sowohl die der anderen als auch unsere eigenen. Und weil das auch noch nicht genug ist, kann es sein, dass wir glauben, andere haben bestimmte Erwartungen an uns. Kann sein, muss aber nicht.

Klingt verfahren irgendwie? Ist es auch.

Wir können unterscheiden zwischen Erwartungen, die auf Erfahrungen basieren und Erwartungen, die aus einem Anspruchsdenken entstehen. Sie erlauben uns eine Prognose, wie der andere sich wohl verhalten wird.

Kasten1

Je besser wir jemanden kennen, umso besser können wir erahnen wir er sich verhält. Onkel Andi hat in den letzten 10 Jahren seine Witze erzählt. Also können wir erst mal davon ausgehen, dass er es dieses Jahr wieder machen wird. Warum auch nicht? Sollte er es dieses Jahr bleiben lassen, würden wir uns wundern, wären vielleicht ein bisschen enttäuscht. Wir wären nicht verletzt! Bestenfalls würden wir uns gemeinsam über die besten Witze der letzten 10 Jahre amüsieren. Unsere Erwartung wird ohne großen Umstand an die Realität angepasst.

Die Mutter meiner Freundin hat eine klare Erwartung an die Größenordnung eines Geschenkes. Hierin liegt der klare Anspruch wie sich ihre Tochter verhalten soll. „Schenk mir etwas das mindestens 200€ gekostet hat“. Meine Freundin wird in ihrer Freiheit ein Geschenk auszusuchen eingeschränkt, was in den meisten Fällen (inneren) Widerstand provoziert.

Kasten2Sie hat nun zwei Möglichkeiten: Sie verweigert sich. Mit der Konsequenz, dass ihre Mutter sich verletzt und zurückgewiesen fühlt. Oder sie erfüllt den Anspruch ihrer Mutter um den lieben Frieden willen, vermutlich macht sie das zähneknirschend. Das „Zähne-knirschende“ Nachgeben hinterlässt häufig einen schalen  Beigeschmack.

Akzeptieren Sie ihre Entscheidung und ihre Gründe dafür. Sie wollen ihrer Mutter kostspielige Geschenke machen, um sich für ihre jahrelange finanzielle Unterstützung zu bedanken. Oder sie wollen ihr auf diese Weise ihre Wertschätzung zeigen, weil sie wissen, das ist die einzige Art wie sie sie annehmen kann.

Nicht immer wissen wir was andere von uns erwarten

Sandra saß mit ihrem Freund Michel zusammen, drehte das Rotweinglas in ihren Händen und sah ihn betreten an. „Das ist eine so schöne Idee über Weihnachten zum Ski laufen zu fahren. Aber das kann ich meinen Eltern nicht antun. Sie rechnen fest mit mir an Weihnachten. Meine Mutter würde mir das nie verzeihen, wenn wir nicht gemeinsam den Baum schmücken und zusammen in den Weihnachtsgottesdienst gehen.“

Zur gleichen Zeit saßen Sandras Eltern mit ihren besten Freunden zusammen und malten sich aus wie sie dem Weihnachtswahnsinn entfliehen würden und endlich die langersehnte Golfreise antreten würden. Bis Sandras Mutter mit einem Seufzen die Ideen ihrer Freunde ausbremste. „Weihnachten kommt Sandra nach Hause. Wir sehen sie so selten und Weihnachten schaufelt sie sich immer für uns frei. Sie freut sich so sehr auf die ruhigen Tage bei uns. Wir können das Kind doch nicht vor die Tür setzen!“

Manchmal entstehen Routinen und Gewohnheiten, die nicht mehr hinterfragt werden. KastenuebungWir interpretieren Erwartungen des Anderen hinein und hinterfragen sie nicht. („Warum schauen wir nochmal jeden Sonntag den Tatort?“). Es lohnt sich durchaus, hier mal genauer hinzusehen und die jeweiligen Erwartungen miteinander abzugleichen. 

Sandra und ihre Eltern haben es geschafft. Als Sandra Weihnachten den Prospekt mit den Golfreisen entdeckte, erzählten ihre Eltern ihr von ihrem großen Traum, Weihnachten mal im Warmen zu verbringen. Sandra lachte erleichtert auf und erzählte wiederum von ihrem Traum, Weihnachten mit Michel in den Bergen zu verbringen. Beide Reisen sind inzwischen gebucht. Die Ostertage werden sie gemeinsam verbringen.

Erwartungen in der Partnerschaft führen eher zu Frust als zu großer Liebe

Ich kann ja wohl erwarten, dass mein Partner mir regelmäßig Blumen mitbringt, um mir seine Zuneigung zu zeigen. Schließlich erwartet er von mir auch, dass ich mich zu seinen Geschäftsessen hübsch mache und eine gute Show für seine Geschäftspartner mache.

Wenn ihr Partner die Chance haben soll ihre Erwartungen zu Kasten4erfüllen ist eine offene Kommunikation wichtig. Es ist schon schwierig genug Erwartungen zu erfüllen.

Sie zu erahnen oder Gedanken zu lesen ist nahezu unmöglich! Und wenn ihr Partner ihre Erwartungen kennt und auch verstanden hat warum sie ihnen wichtig sind, hat er die Möglichkeit zu entscheiden ob er dieser Erwartungen erfüllen kann oder will.

Schauen wir uns das Wort Er-wartung mal an: da steckt das Wort "warten" drin. Ich warte also darauf, dass mir mein Mann seine Zuneigung zeigt indem er mir Blumen schenkt. Warten ist passiv, ich lehne mich zurück und warte. Warum soll ich denn auf einen Liebesbeweis eines anderen Menschen warten? Weil ich mich dann besser fühle? Und wenn dieser Liebesbeweis nicht kommt, fühle ich mich dann schlecht? Ich mache mich zum Opfer meiner nicht erfüllten Erwartungen. Wie doof! Ist es nicht besser selber aktiv zu werden und nicht auf einen anderen zu warten? Selber dafür zu sorgen, dass ich mich gut fühle? Schön ist es doch, wenn ich mich über Blumen freuen kann und nicht verletzt bin, wenn ich keine Blumen bekomme. Mein Umgang mit meinen Erwartungen hat einen großen Einfluss auf meinen Seelenfrieden.

  • Ohne Erwartungen werde ich nicht enttäuscht.
  • Ohne Erwartungen setzte ich keinen anderen unter Druck, was nur Widerstand provoziert („Warum soll ich dir Blumen mitbringen, die halten eh nur ein paar Tage.“)
  • Ohne Erwartungen überfrachte ich meinen Partner nicht mit dem Anspruch mich glücklich machen zu müssen (Das ist ausschließlich meine eigene Aufgabe! Aber das ist ein anderes Thema, mit dem wir uns gerne in einem weiteren Blog beschäftigen können.)

Kommunizieren Sie klar Ihre Erwartungen im beruflichen Umfeld

Nicht nur im privaten Umfeld bewegen wir uns in einem Netz aus Erwartungen. Auch im beruflichen Umfeld gibt es Erwartungen an die Kollegen und an mich. Welche Aufgaben sollen wie erfüllt werden? Wie sieht angemessenes Verhalten aus? Wir sind im Bereich der Erfahrungen und Rollen. Als Führungskraft erwarte ich engagierte Mitarbeiter, die ihre Aufgaben im vereinbarten Zeitraum erledigen. Meine Mitarbeiter erwarten von mir, dass ich für den Rahmen sorge, in dem sie arbeiten können. Wenn sich die Erwartungen beider Seiten und die Bereitschaft diese zu erfüllen miteinander decken, dann funktioniert die Zusammenarbeit.

Schwierig wird es, wenn sich die Erwartungen nicht miteinander vereinbaren lassen. Frau Mayer erwartet, dass ihre Mitarbeiter erst nach ihr das Büro verlassen. Frau Müller dagegen verlässt pünktlich nach den vertraglich vereinbarten acht Stunden das Büro. Sie erwartet, dass der Vertrag gilt. Sie kennt die Erwartung der Chefin nicht, bis ein Kollege sie darauf hinweist. Frau Müller wunderte sich nur über die spitzen Kommentare der Chefin bzgl. ihres Engagements.

Natürlich ist es auch im beruflichen Kontext wichtig, Erwartungen transparent zu machen und offen zu formulieren. So können unterschiedliche Erwartungen aufgedeckt werden und im Gespräch angeglichen bzw. Kompromisse gefunden werden.

Kann man ein Leben ohne Erwartungen führen? Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, dass es mein Leben besser macht, nicht schon im Vorfeld schlecht gelaunt zu sein nur weil ich etwas erwarte. Andererseits ist Vorfreude auch eine Erwartung? Die ist ja eher schön. Also liegt die Kunst vielleicht darin sich das Gute rauszusuchen und das Negative erst mal abzuwarten?

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten voller gespannter Vorfreude!

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